Homeless Produktion
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Das Amazonaspaddeln

Seit ich ein kleiner Junge war, wollte ich zwei Orte auf der Welt auf jeden Fall besuchen. Das war, auf der einen Seite das riesige und verrückte Australien und auf der anderen Seite das verruchte und wilde Brasilen. Genauer Amazonien! Die grüne Hölle, die Lunge des Planeten, die Heimat von El Dorado (vielleicht), das unerforschte Monster, der alles ist möglich Wald.

Seit etwa zehn Jahren beschäftige ich mich mit dem Wanderpaddeln, weil es eine sehr entspannte Art der Fortbewegung ist, bei der man viel Gepäck mit sich führen kann, ohne es tragen zu müssen! Als Zeit und Gelds stimmten, machten wir uns auf den Weg. Auf den Weg einen meiner Kindheitsträume zu erfüllen. Wir flogen nach Manaus, meinem El Dorado. Wir, das waren meine Frau Yvonne und ich und Manaus persönlich sollte nicht mein El Dorado sein, denn dazu ist es zu versmogt, verranzt, zu laut und viel zu hektisch! Mein El Dorado ist gemütlich, spannend und ruhig. Gemütlich: abends in der Hängematte am Lagerfeuer. Spannend: wegen all dem Leben, dass sich um einen versteckt. Ruhig: weil man Tagelang durch die Wildnis streifen kann, ohne einem anderen Menschen zu begegnen.

Wir wollten nicht auf einem der zahlreichen Touristenfuhrschiffe in der Hängematte liegend die Landschaft an uns vorbei gleiten lassen, Nein, dass war uns zu unpersönlich, zu steril, zu wenig abenteuerlich. Wir wollten uns unsere Kilometer selbst erarbeiten, wir wollten unsere Kilometer erpaddeln! Einziges Problem: wo anfangen und wie hinkommen? Und noch ein Problem: wie nicht verirren? Und noch ein Problem: werden wir Menschen begegnen, die zu dem unsicheren Ruf des Amazonasgebietes beitragen? Und noch ein Problem: was tun bei Malaria Verdacht, und bei einem Schlangenbiss, und welche Spinne ist gefährlich, und welches Gewächs sollte man nicht berühren, oder gar verbrennen, und … ich glaube das war es an Problemen, reicht ja auch. Wegen all dieser Probleme war für uns klar, dass wir diese Aufgabe nicht alleine bewältigen konnten. Wir waren zwar bereits auf dem Mekong durch Laos gepaddelt, aber der lässt sich kaum mit dem grünen Irrgarten des Amazonas vergleichen.

Unsere Hilfe war Ney! Ney bietet genau so etwas an. Eine mehrtägige Paddeltour durch den dichten Dschungel des Amazonas. Guide, Essen, motorisiertes Begleitboot und Know How.

Er holte uns in Manaus am Flughafen ab, um uns dann in den Bus zu setzen, der uns an den Start unserer kleinen Expedition bringen sollte. Kaum drei Stunden später standen wir am Ufer des kleinen Flusses Uruburui! Unsere Boote waren robuste, scherfällige „Sit on Top“ Kajaks. Genau das Richtige! Ein und Aussteigen ist einfach, auch von Wasser aus möglich, Kentern ist schwierig und Viehzeug ist schnell gesehen. Alptraum, wenn es sich eine Schlange über Nacht im geschlossenen Kajak gemütlich gemacht hat und man sich im Laufe des nächsten Paddeltages dann überraschend begegnet! Unsere motorisierte Begleitung war ein ca. 4 Meter langes Holzboot mit einem kleinen Außenborder mit langer Welle, wie sie auch in Asien Verwendung finden. Gesteuert wurde scheinbar bewährte und in die Jahre gekommene Boot von Neys Bruder Jorge und einem Begleiter der sich jedes Mal wenn er gefragt wurde, anders nannte. Ein riesiger Bär, der praktisch ständig redete und falls er nichts zu reden gefunden hat sang! Neys Bruder war eher ein stiller, strebsamer Typ, was die Besatzung des Motorbootes ausglich! Die Beiden fuhren immer voraus und bereiteten das Essen, oder das Lager vor.

Ney begleitete uns in einem Einsitzer Sit on Top Kajak, fuhr aber die meiste Zeit voraus. Ob uns Ruhe zu gönnen, oder weil wir ihm zu langsam waren, hat sich nicht ganz klären lassen!

Wald und Fluss ähnelten auf die Entfernung sehr unseren Flüssen und Wäldern. Auf die Nähe entdeckte man allerdings Lianen, oder riesige „Schmarotzer“ Pflanzen in den Bäumen. Spinnennetze, die ganze Bäume einhüllten, manchmal konnte man das Ufer vor lauter Bäumen und Büschen nicht sehen. Und wenn wir mal den Fluss verließen, kamen wir an Wasserfälle, hinter die wir kletterten, an Höhlen voller Fledermäuse, wir konnten Tarzanmäßig an Lianen schwingen. Auf den kurzen Wanderungen hatten wir anfangs noch feste Schuhe und lange Hosen an, um nicht von Insekten gebissen zu werden und nicht von Dornen zerkratzt zu werden, doch nach ein paar Ausflügen stampften auch wir in Badehose und Flip Flops durch den Wald, wie unsere Begleiter. Sowieso ist genau das offensichtlich die beste Bekleidung für den Dschungel. Man ist sowieso ständig nass!! Nur mit nasses Flip Flogs konnten wir uns nicht recht anfreunden, denn wenn die Oberseite von Flip Flops nass ist, rutscht man darauf umher, als würde man auf Eis laufen.

 

Während unserer Fahrt flogen wild kreischende Aras über unsere Köpfe, Affen hüpften am Ufer durch die Bäume (überraschend scheu), Fische sprangen von Zeit zu Zeit mal aus dem Wasser, „Fuck You“ Vögel sangen manchmal ihr Lied (handelt sich mit ziemlicher Sicherheit nicht um den zoologisch korrekten Namen, aber sein Gesang war: Fuck You HeHeHeHeee). Der „Fuck You“ Vogel war bei jeder Begegnung eine erfrischende Freude! Die größten Begegnungen waren die mit den Flussdelfinen, die doch erstaunlich häufig vorkommen. Meistens handelte es sich um ein kurzes Luft holen, doch manchmal schauten sie auch neugierig aus der Ferne und selten sprangen sie auch mal aus dem Wasser.

Der Fluss war amazonasmäßig träge, hatte hier und da mal ein paar im Weg liegende Steine und einmal einen echten Wasserfall. Etwa 3 Meter hoch und 80 Meter breit. Den befuhren wir lieber nicht! Ney und Jorge treidelten die Kajaks an einer etwas ruhigeren Stelle den Hang hinunter. Von uns aus hätten es ruhig mehr dieser Stellen sein können, aber wir mussten ja auch das bepackte alte Holzboot da nicht heile durchbringen!

Nachts schliefen wir, wie in Amazonien üblich in unseren Hängematten und ob man’s glaubt oder nicht es wird wirklich kalt in der Nacht! Wir hatten Hängematten aus Fallschirmseide, weil die kaum Platz im Gepäck weg nehmen, doch man benötigt offensichtlich eher die traditionellen Baumwollmatten, denn die Anderen haben in ihren Baumwollmatten nicht gefroren. Lagerfeuerromantik gab es in den Hängematten für uns nicht! Kaum waren wir in der Waagrechten, haben wir sofort geschlafen! Wir paddelten den ganzen Tag, mit ein paar Essenspausen und Zwischenwanderungen. Das zusammen mit der Hitze und dem ewig Nassen raubten uns die Kräfte und wir fielen erschossen in unsere Fallschirmseide!

Manchmal gingen wir an Land, um zu pausieren und um in den Fluss zu springen, während dessen sammelte Ney Plastikmüll und verstaute ihn in seinem Boot, um ihn später, an seiner Lodge richtig zu entsorgen. Ney führte einen Kampf gegen Windmühlen, er sammelt den Müll ein, den die meisten der Flussleute bedenkenlos wegwerfen. Aber es ist wohl nötig, dass dort einer mit dem nötigen Müllsinn anfängt! Ich erinnere mich noch an die ungläubigen Blicke der thailändischen Bootsleute in der Phang Nga Bucht vor zehn Jahren, die auf unseren kleinen Faltbooten die große PET Flasche voller Müll sahen. Sie sagten, belastet euch doch nicht, schmeißt es einfach über Bord, oder verbrennt es halt. Ney sammelt den Müll seiner Landsleute und die brasilianische Regierung lässt ihn dann recyceln! Ob in Thailand mittlerweile recycelt wird oder ob immer noch alles einfach verbrannt wird weiß ich nicht.

Als wir einmal bei einer solchen Pause auf das komische kleine Getier des Amazonas zu sprechen kamen, wie zum Beispiel einem Fisch, der sich in Windeseile durch kleine Verletzungen an der Haut beißt, um sich dann munter durch den gesamten Körper zu fressen. Mussten uns darüber aber angeblich keine Sorgen machen, denn der Fisch lebt nur im so genannten Weißen Wasser, und unser Fluss war ein so genannter Schwarzwasserfluss. Das schwarze Wasser sei viel zu sauer für den Fisch, und außerdem auch viel zu sauer für Moskitos, was das Reisen an einem Schwarzwasserfluss wirklich entspannt. Vor was Ney allerdings am meisten Angst an unserem Fluss hatte, waren Stachelrochen! Man bräuchte ihnen nur zu nahe zu kommen und sie würden mit ihrem stachelbewährten Schwanz ausschlagen und tiefe, zentimeterlange Wunden reißen und in diese dann auch noch gift injizieren, was zur Folge haben soll, dass sich die verletzte Stelle anfühlt, als würde sie verbrennen! Aber auch hier bräuchten wir uns keine Sorgen machen, die gäbe es nur an schlammigen Stellen! Ist ja nun nicht so gewesen, dass wir uns am Abend vorher die Zähne geputzt haben und dabei bis zu den Knien im Schlamm standen!

Den letzten Abend verbrachten wir im Motorboot. Wir fuhren durch die Dunkelheit zu Neys Lodge. Uns wurde angeboten, entweder noch eine Nacht im gebastelten Camp, oder Endspurt zur Lodge, wo eine Dusche und Caipirinha auf uns warteten. Wir überlegten keine zwei Sekunden und verbrachten die nächsten zwei Stunden zusammengequetscht im rasenden, lauten Motorklepper.

Neys Lodge, der Luxus auf Stelzen! Ein großes Dach, eine Hütte zum Waschen und Duschen und vier kleine Gästehütten. Eine richtige Kloschüssel!

Am nächsten Tag verfuhren meine Frau und ich uns im Sumpf neben dem Haus. Wir wollten die Wartezeit, bis wir mit dem großen Motorboot in die zwei Stunden entfernte Stadt gefahren wurden mit dem kleinen Holzkanu und Angelrouten verbringen. Nach dem Angeln viel uns auf, dass wir die Richtung aus der wir kamen in dem dichten Wald gar nicht ausmachen konnten. Mit bis in den Hals klopfendem Herz suchten wir entweder das Ufer, oder den Hauptstrom, beides konnte nicht weit entfernt sein, doch durch den dichten Sumpf mussten wir ständig unsere Richtung ändern und hatten das Gefühl uns im Kreis zu drehen. Da wir nicht noch eine Nacht bei Ney bleiben konnten, da der Weiterflug und das Hotel gebucht waren, begannen wir zu rufen und zu pfeifen, beides ohne Erfolg. Wir hatten die Hoffnung, dass uns jemand antworten würde und wir so die richtige Richtung hätten, doch niemand antwortete. Irgendwann erinnerten wir uns an den „Trommelbaum“, einen Baum den uns Ney unterwegs gezeigt hatte, an dessen ausladenden Wurzeln konnte man schlagen und dass entstehende Geräusch war laut wie eine Trommel und jeder andere „Dschungelmensch“ konnte das Geräusch hören und reagieren. Gedacht getan! Einen „Trommelbaum“ hatten wir nicht, aber ein altes Holzkanu. Zweimal drei Schläge mit dem Paddel und prompt kam die Antwort! Wir waren eigentlich auf dem richtigen Weg gewesen, wohl nur etwas zu ungeduldig. Nach fünf Minuten waren wir an der Lodge, hatten so viele Moskitostiche wie auf der ganzen Reise nicht und mussten vor der Fahrt noch mal duschen.

Neys Abenteurkreuzfahrt mit dem Kajak.

Unbedingt etwas für Amazonas Neulinge, aber kaum etwas für untrainierte. Wir haben von Morgens bis Abends gepaddelt. Bei Regen, Sonne, mit und ohne Strömung! Man muss Paddeln schon sehr mögen, dann bekommt man eine ganz besondere Erfahrung ermöglicht, die kaum einem vergönnt ist. Lautloses durch den Dschungel gleiten!OO

Muito Obrigado Ney!

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