Homeless Produktion
Homeless Produktion

Wohnung der Sehnsucht

Text von Benjamin Köhler

Der Ort, der meisten Sehnsucht ist für mich meine Wohnung!

Spätestens nach einer Woche, die ich nach einer Reise wieder
zuhause bin, träume ich von den Orten, an denen ich war. Ich denke zurück und
freue mich über erlebte Abenteuer und auf neues, noch zu erforschendes, was mir
den grauen Alltag bunter gestaltet und schlechte Tage leichter zu ertragen
hilft! Ich träume dann zum Beispiel von dem ausgemusterten Ärzte ohne Grenzen
Jeep, in dem wir in den schönen, friedlichen Samburu Park gefahren sind und der
unterwegs zwei mal den Auspuff verlor. Wo wir abends am Lagerfeuer saßen, auf
dem der Safarichefkoch grade das Abendessen vorbereitete. Wir haben uns bei
Sternenhimmel über Spätzle und Antilopenfleisch unterhalten, während er ständig
zwischendurch die Paviane mit seiner kleinen Schleuder vertreiben musste. Und
es hat nach einem langen, staubigem Tag so gut geschmeckt!

Oder ich denke an die Phang Nga Bucht in der wir paddeln
waren und an den kleinen Strand, auf unserer kleinen Insel, auf dem wir
Mutterseelen allein gezeltet haben und dann morgens von Makkaken geweckt
wurden, die an den Zeltschnüren gespielt haben. Unsere kleine Bucht, die uns
bei Mondschein in den Schlaf geplätschert hat. An die Flughunde, die Nachts
über unser Zelt geflogen sind und deren Flügel sich dabei anhörten wie die
kleiner Drachen.

Oder an die eine Nacht im September, in den Pyrenäen auf
2500m Höhe, an dem kleinen Bergsee, wo wir zusammen mit etwa 500 Fledermäusen
den Himmel betrachteten. Neben der super Sicht auf all die Sterne, die man
sonst nicht sehen kann, gab es als Bonus jede Minute noch eine Sternschnuppe
die über unsere Köpfe flog.

Oder an die lieben Menschen mitten in Laos, die in ihrem
Pfahlhausdorf leben, als sei bei ihnen die Zeit stehen geblieben. Nur der
übergroße Flachbildfernseher in manchen Hütten holte einen wieder in unsere
Zeit. Die Menschen, die einem, einfach so, geröstete Heuschrecken bringen, weil
Bier alleine ja nicht schmeckt. Wo es nichts ausmacht, wenn der Nachbar seine
Musik laut hört, weil sie ihm gefällt! Wo scheinbar immer einer ein nettes Wort
für einen Anderen findet. Wo das Leben hart aber ehrlich erscheint.

Oder an den Bilderbuch Sonnenaufgang, den wir erleben
durften, als wir in Spanien am andalusischen Strand schliefen! Wir packten uns
abends in unsere Schlafsäcke und nachdem am Morgen, am sehr frühen Morgen, die
Mücken uns unfreundlich aus dem Schlaf genervt haben, durften wir einen
herrlichen Sonnenaufgang erleben! Direkt am Bett, mit frischem Kaffee in Hand!
Dank der Mücken! Und frühes Schwimmen, dank des paraquianische Trommlers,
unserem Bettnachbarn, der uns ins Meer trommelte, während seine Frau das Zelt
abbaute

Oder die Nacht in Phnom Phen, die wir im ständigen Wechsel
die Kloschüssel benutzen mussten und dann am nächsten Tag in misserabelem
Zustand, also in passendem Zustand, das Gefängnis 21 besichtigten. Dann abends
den Markt, dessen Gerüche uns wieder in unser Hotelzimmer und zur Toilette
trieben!

Oder der Moment an Kenias Küste, wo wir uns ein schönes
Hotelzimmer leisteten und Morgens Schach spielten, als plötzlich draußen
Schüsse fallen und eine Gummiqualmwolke vor dem Hotel aufstieg. Wir wurden von
den Angestellten freundlich, aber bestimmt auf das Dach des Hotels gebeten. Von
dort hatten wir freie Sicht auf die Strasse und den Strand. Die
Zufahrtsstrassen waren dank brennender Autoreifen versperrt, die Menge
versuchte eine Mauer einzureißen, die sie am Befahren des Strandes zum be- und
entladen der Boote hinderte und die durch Bestechung dort gebaut werden durfte.
Als die Polizei sich vom Strand her nähert und wild schießend auf sich
aufmerksam macht. Das war alles noch lustig, bis wir Geschoße direkt an uns
vorbei Pfeifen hörten und uns dann filmmässig auf den Boden drückten und
hofften das die dünne Wand der Kugel einer AK47 stand hält. Ist schlecht, wenn
die Leute aus Warnung in den Himmel schießen, wo die meisten Dächer doch oben
sind! Am nächsten Tag war alles wieder wie immer und alle haben Tee getrunken!
Die Mauer war weg und keiner wurde ernsthaft verletzt.

Oder als mich in Argentinien Straßenkinder bespuckt haben.
Ich mein, was macht man denn da. Ein Rudel etwa zehn jähriger Kinder spuckt dir
auf die Hose und verlangt gleichzeitig Monedas. Da muss man erst mal drauf
kommen. Hab mich zum Eismann geflüchtet.

Oder die Thailändischen Guides, die uns in der Phang Nga
Bucht aufgefischten, weil wir kein Wasser mehr hatten, der sonst so
zuverlässige Regen blieb aus und wir waren sonnenverbrannt. Sie verstauten
unsere Boote unter Deck und so lange die zahlenden Touristen in die dortigen
Höhlen paddelten, mästete uns die dicke Bordköchin mit allen möglichen
thailändischen Leckereien und der Freude einer verwöhnenden Großmutter im
Gesicht. Und das nachdem wir Tagelang nur Tütensuppe zu essen hatten. Sie
fuhren uns zurück nach Phuket und boten uns an, für uns einzukaufen, während
wir die Nacht auf Deck hätten verbringen können. Sie hätten uns dann am
nächsten Tag mit frischem Proviant wieder an der gleichen Stelle abgesetzt, an
der sie uns aufgesammelt haben, damit wir unsere Tour hätten beenden können.

Oder der Typ, der in Rio im Bus sitzt und nicht bemerkt,
oder vielleicht war es ihm auch egal, wie im kleine Maden aus seinem Fußverband
fallen.

Oder als wir endlich, nachdem wir die ganze Nacht, in Island
und etwa 20 Kilo auf dem Rücken, gelaufen waren, am Gulfoss ankamen und
hundemüde, ganz allein diesen riesen Wasserfall genießen konnten. Es war etwa
fünf Uhr morgens und die ganze Nacht glockenhell gewesen. Wir mussten bis neun
Uhr warten, bis uns die ersten Busse, die andere Touristen brachten, mitnehmen
konnten. Wir waren hundemüde aber angekommen!

Ich will keine meiner Reiseerfahrungen missen! Jede war eine
Lehre für mich und plötzlich interessierte ich mich für die Indianer in
Brasilien, die nun doch, nach jahrzehntelangem Kampf ihr Theretorium räumen
müssen, um einem Staudamm platz zu machen. Oder für große Pharmafirmen, die
Leute für den Schmuggel von Naturwirkstoffen bezahlen, um ihn nicht teuer
Brasilien abkaufen zu müssen.

Oder für die Trockenlegung des unteren Mekong, was zur
Ökologischen und Humanitären Katastrophe führt! China wird alle unteren
Mekongstaaten des Flusses berauben! Die Fischer werden zu Bauern und dann bald
zu Bauern ohne Pflanzen, weil das bisschen Wasser, was noch fließt keine
Lebenswichtigen Nährstoffe mehr aus dem Himalaja anschwemmt und der
Dschungelboden zu nährstoffarm ist und dann bald versandet!

Wegen meinen Reisen stelle ich mir Fragen wie, warum sind
die Menschen in einem reichen Land wie Kenia so arm? Oder warum greift keiner
richtig ein, wenn die Militärregierung von Myanmar keine Hilfe für seine
Flutofer zulässt und ganz offensichtlich mit der Bergung und Versorgung
überfordert ist?

Meine Sehnsucht haben all die Menschen, (außer die zwei
besoffenen Stunkmacher in Watamu), bei denen ich zu Gast sein durfte und all
die Orte, an die ich unbedingt noch reisen muss! Dinge, die ich noch lernen
muss, Herausforderungen, die ich noch bestehen muss und Tiere und Insekten, die
noch essen muss.

Also, das denk ich mir immer in meiner Wohnung. Ich schau
auf unsere Mitbringsel, merke das unangenehme Ziehen in meiner Schulter oder
betrachte meine Narben und bin froh all das erlebt haben zu dürfen und freue
mich auf alles was da noch kommt! So, wie ich mich früher als Kind auf
Weihnachten freute. Nun Weihnachten hat ein wenig an Glanz verloren, aber das
Reisen leuchtet noch immer für mich! Ich hoffe, dass ich die Neugier, die mich
in die Sehnsucht treibt so schnell nicht verlieren werde und ihr noch lange
nachgeben kann.

Druckversion Druckversion | Sitemap Diese Seite weiterempfehlen Diese Seite weiterempfehlen
© Benjamin Köhler Alle Texte, Fotos und Filme auf dieser Internetseite sind urheberrechtlich geschützt und dürfen nicht vervielfältigt werden.